Was macht dich glücklich? - Q1-Philosophiekurs trifft die Kunst von „Christo und Jeanne-Claude“

Die klimatisierte Kühle des Picassomuseums trotzte am Freitag, 19.06.26, den heißen Außentemperaturen - dies allein wäre schon ein Grund, glücklich zu sein. Ein weiterer war der glückliche Zusammenfall der aktuellen Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude: Un/Realisiert“ mit einem Anknüpfungspunkt aus der philosophischen Ethik: der Frage nach dem guten Leben. So gelang eine Korrelation mit der unterrichtlichen Diskussion, ob nur ein glückliches Leben ein gutes sei sowie über das Phänomen, vielleicht etwas zu bereuen, was andererseits aber erst dazu geführt habe, zu der-/demjenigen zu werden, die/der man ist, was somit vielleicht letztlich doch glücklich machen könnte. Und überhaupt: gibt es noch weitere Kriterien für Glück? Die deutsche Sprache differenziert im Unterschied zu anderen Sprachen den Begriff „Glück“ nicht zwischen „Glück haben“ (z.B. engl. lucky) und „glücklich sein“ (z.B. engl. happy). Nur letztere Form lässt sich aktiv beeinflussen, womit sich bereits die antike Ethik auseinandersetzte - und auch der Q1-Philosophiekurs. 

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Umgeben von wohltuend klimatisierter Luft (die für die Kunstwerke wichtig ist) begegnete den Schüler:innen allerdings nichts künstlerisch Kühles mehr. Vielmehr zeigte sich die Leidenschaft des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude in ihrem jahrzehntelangen Kunstschaffen, für das sie nicht nur anfangs viele Entbehrungen in Kauf nahmen und nie die idealistische Idee ihrer Kunst aus den Augen verloren. Ihr Œuvre umfasst neben weltberühmten Verhüllungen, wie der des Berliner Reichstages 1995, bei der das Gebäude temporär mit silbernem Stoff verpackt und verschnürt wurde, auch viele nicht realisierte Projekte - im Verhältnis sind es ungefähr 30 realisierte und 30 unrealisierte Projekte, die dokumentarisch und als Skizzen vorliegen. Dadurch, dass Christo und Jeanne-Claude den gesamten Entstehungsprozess - von der Idee, den Entwürfen und Zeichnungen, behördlichen Genehmigungen, Gesprächen über ihr Konzept mit den Menschen, deren Orte tangiert wurden, bis hin zur Realisierung als Kunst im öffentlichen Raum - als Kunst begriffen, erweiterten sie den Kunstbegriff über die klassischen Kategorien hinaus. Sie involvierten zudem früh Alltagsgegenstände wie Telefone, Spielzeuge, Möbel, Autos, Zeitungen sowie sogar für wenige Minuten Menschen, welche jeweils verhüllt wurden, teilweise mit Plastikfolie, meistens mit Stoffen. Die Dynamik von innen und außen, die mit Spannung erwartete Vorstellung, was beispielsweise in dem vom Künstlerpaar geschickten Päckchen an Freund:innen sei, konnte das Kunstwerk beim tatsächlichen Öffnen jedoch zerstören, so wie es auch auf dem innenliegenden kleinen Zettel stand, der beim Enthüllen zu finden war, so dass man anschließend schnell im Freundeskreis telefonierte, um solcherlei Enttäuschung zu vermeiden. Diese Objekte – etwa das Paket mit dem inhärenten Zettel - waren auch in der Ausstellung zu sehen.
Seit dem Umzug des Paares von anfänglich Paris später nach New York wurde jedoch „big“ gedacht: in Verhüllungen von Gebäuden, die dabei und danach nicht mehr dieselben waren. Eindrücklich zeigte sich das künstlerische wie kommunikative Engagement nicht zuletzt in einem Video im Rahmen der Projektplanung eines nach über 20 Jahren Arbeit nicht realisierten Werks: der intendierten Verhüllung eines Flusses. Letztlich stieß „Over the River“ auf zu große Ablehnung, wohingegen die Künstler:innen für die Schönheit einer einmaligen Erfahrung warben. Neben dem ästhetischen Mehrwert ihrer Kunstwerke liegt eine weitere Faszination auch in der Unabhängigkeit, mit der das Paar alle Projekte bewusst selbst finanzierte, gewachsen aus ärmlichen Umständen zu Beginn bis hin zu einer Stiftung und dem Verwenden von Millionenbeträgen für ihre Projekte.

Die philosophische Frage eines guten Lebens durchzog die Ausstellung implizit wie ein roter Faden, insofern klar wurde, dass der Sinn für die beiden Künstler:innen in der Kunst selbst liegt, für die sie als ihr „Warum“ ein „Wie“ geschaffen haben, welches nicht immer einfach war. Entsprechend ihres weiten Kunstbegriffs ist dieser Prozess zwischen Gelingen, Scheitern, Weiter-Hoffen und Neu-Erschaffen Teil ihrer Kunst. Diese verwoben sie zudem eng mit ihrer Beziehung, beispielsweise signierte Christo bei einem Besuch in Münster nicht ohne die mit einem gebrochenen Arm angereiste Jeanne-Claude, da nur beide zusammen vollständig seien. Wie emanzipiert, aber auch symbiotisch die beiden miteinander umgingen, zeigte sich nicht zuletzt in dem dokumentarischen Video der Ausstellung, in der auch die markanten orange-roten Haare von Jeanne-Claude und die intellektuelle Brille von Christo hervortraten, welche zu ihrer Inszenierung als „Marke“ im kulturellen Raum gehörten. Aufgrund ihrer Passion für die Kunst, würden Künstler:innen nie in Rente gehen, äußerten sie nicht nur in einem Interview, welches stilecht in einem New Yorker Taxi stattfand, sondern zeigten dies auch performativ in ihrer für sie guten Weise zu leben.

Vor dem Hintergrund all dieser Eindrücke durften die Schüler:innen dann im Atelier eines von drei Münsteraner Gebäuden – das Schloss, den Dom oder das Picassomuseum – auswählen und auf durchsichtig-milchigem Architektenpapier mithilfe von Bleistift und Crayon-Kreide selbst Teile oder das Ganze „verhüllen“.

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Anschließend draußen schien die Sonne wieder heiß – so wie auch die Frage, „Wofür „brennst“ du, was macht dich glücklich?“ in der Ausstellung über Christo und Jeanne Claude mehr als spürbar war. Es scheint beides zu brauchen: einen „kühlen Kopf“ (in der Ausstellung auch durch die wohltuende Klimaanlage unterstützt) und eine Hingabe, die über das Eigene hinausgeht.

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